
Letzte Woche saß ich im Park auf einer Bank, als ein großer, zotteliger Hund ohne Leine auf mich zukam. Er schnüffelte an meinen Schuhen, schaute kurz zu mir hoch und trottete dann zurück zu seinem Menschen. Ich habe einfach weiter meinen Kaffee getrunken. Erst ein paar Minuten später ist mir aufgefallen, was da gerade passiert war: nichts. Kein Herzrasen, keine schwitzigen Hände, kein Fluchtimpuls. Vor zwei Jahren hätte ich in derselben Situation die Bank fluchtartig verlassen, und der Rest des Tages wäre gelaufen gewesen.
Ich schreibe diesen Beitrag, weil ich mir damals genau so einen Text gewünscht hätte. Nicht von jemandem, der Hunde schon immer toll fand und nicht versteht, wo das Problem liegt. Sondern von jemandem, der selbst jahrelang die Straßenseite gewechselt hat und heute sagen kann: Es geht. Langsam, mit Rückschlägen, aber es geht. Ich teile hier, was mir wirklich geholfen hat, und zwar so konkret wie möglich.
Wie alles anfing
Ich war ungefähr sieben, als mich der Schäferhund unserer Nachbarn im Garten umgerannt hat. Gebissen hat er mich nicht, aber er stand über mir, hat gebellt, und ich weiß noch genau, wie sich sein Atem anfühlte und wie laut alles war. Die Erwachsenen haben es als harmlos abgetan: „Der wollte doch nur spielen.“ Für mich war es das nicht. Ab diesem Tag waren Hunde für mich unberechenbar.
Über die Jahre hat sich die Angst nicht etwa verwachsen, sie ist mitgewachsen. Als Teenager habe ich Partys abgesagt, wenn ich wusste, dass dort ein Hund lebt. Später habe ich meine Joggingrunde so gelegt, dass ich den beliebten Gassi-Zeiten aus dem Weg ging. Ich kannte jede Ecke im Viertel, an der Hunde hinter Zäunen bellen, und habe Umwege in Kauf genommen. Wenn mir auf dem Gehweg jemand mit Hund entgegenkam, habe ich die Straßenseite gewechselt, oft schon fünfzig Meter vorher, damit es nicht auffällt. Im Kopf lief dabei jedes Mal derselbe Film: Der Hund reißt sich los, springt mich an, beißt zu.
Körperlich sah das so aus: Herz bis zum Hals, flacher Atem, weiche Knie, ein Kribbeln in den Händen. Manchmal reichte schon das Klimpern einer Hundemarke hinter mir, um mich in Alarmbereitschaft zu versetzen. Das Anstrengende war gar nicht nur die Angst selbst, sondern die ständige Wachsamkeit. Ich war draußen nie ganz entspannt, weil immer ein Teil von mir nach Hunden Ausschau hielt.
Der Wendepunkt
Es gab keinen großen dramatischen Moment. Es war eher eine Summe aus kleinen Dingen. Meine beste Freundin hat sich einen Hund angeschafft, und ich habe gemerkt, dass ich sie seitdem kaum noch besucht habe. Ich habe mich dabei ertappt, wie ich eine Wohnung nicht angeschaut habe, weil im Erdgeschoss ein Hund wohnte. Und irgendwann stand ich an einer Ampel, auf der anderen Seite ein kleiner, völlig entspannter Dackel, und ich habe trotzdem die Straße überquert, nur um nicht neben ihm warten zu müssen. Da dachte ich: So will ich nicht weiterleben. Die Angst entscheidet über meine Wege, meine Wohnung, meine Freundschaften.
Ich habe mich dann intensiver damit beschäftigt, wie Angst eigentlich funktioniert, und später auch mit einer Therapeutin gesprochen. Was folgt, ist eine Mischung aus dem, was ich gelernt habe, und dem, was ich selbst ausprobiert habe.
Was ich über Angst verstehen musste
Bevor die praktischen Tipps kommen, ein paar Dinge, die für mich alles verändert haben, sobald ich sie wirklich verstanden hatte.
Angst ist ein Alarmsystem. Sie soll uns schützen, und dafür fährt der Körper in Sekunden hoch: Adrenalin, schneller Puls, angespannte Muskeln. Das fühlt sich furchtbar an, ist aber nicht gefährlich. Kein Mensch ist je an Herzklopfen gestorben, weil ein Dackel vorbeiging. Dieser Satz klingt banal, aber ich habe ihn mir am Anfang wirklich oft vorgesagt: Das ist unangenehm, aber es ist nicht gefährlich.
Das Zweite: Angst hat eine Kurve. Wenn man in einer angstauslösenden Situation bleibt, steigt sie an, erreicht einen Höhepunkt und fällt dann von selbst wieder ab. Der Körper kann diesen Alarmzustand gar nicht ewig halten. Das Problem ist, dass ich mein ganzes Leben lang immer genau am Höhepunkt geflüchtet bin. Ich habe also nie erlebt, dass die Angst von allein wieder kleiner wird.
Und das Dritte, vielleicht Wichtigste: Vermeidung füttert die Angst. Jedes Mal, wenn ich die Straßenseite gewechselt habe, hat mein Gehirn gelernt: „Puh, gerade noch mal gut gegangen. Gut, dass wir ausgewichen sind.“ Die Erleichterung nach dem Ausweichen hat die Angst jedes Mal ein Stückchen stärker gemacht. Das war bitter zu verstehen, weil sich Vermeiden ja so vernünftig anfühlt. Aber es ist genau der Mechanismus, der eine Angst über Jahrzehnte am Leben hält.
Die gute Nachricht steckt direkt darin: Wenn Vermeidung die Angst stärkt, dann schwächt Annäherung sie. Nicht mit der Brechstange, sondern in kleinen, machbaren Schritten.
Tipp 1: Eine Angstleiter bauen
Das war der Anfang von allem. Ich habe mich hingesetzt und aufgeschrieben, welche Situationen mit Hunden mir wie viel Angst machen, auf einer Skala von 0 bis 10. Meine Liste sah ungefähr so aus:
- Fotos von Hunden anschauen: 2
- Videos von bellenden Hunden anschauen: 3
- Einen Hund hinter einem Zaun aus zehn Metern beobachten: 4
- An einem angeleinten Hund auf demselben Gehweg vorbeigehen: 6
- In einem Raum mit einem ruhigen, angeleinten Hund sitzen: 7
- Einen ruhigen Hund an meiner Hand schnüffeln lassen: 8
- Einen Hund streicheln: 9
- Ein unangeleinter Hund läuft auf mich zu: 10
Der Trick ist, ganz unten anzufangen und erst eine Stufe höher zu gehen, wenn die aktuelle sich nur noch nach 2 oder 3 anfühlt. Klingt fast zu einfach. Aber genau das hat funktioniert, weil ich mich nie überfordert habe und trotzdem jede Woche ein kleines Stück vorangekommen bin.
Ein Tipp dazu: Macht die Stufen lieber zu klein als zu groß. Wenn ein Schritt eine 8 ist, zerlegt ihn. Statt „an einem Hund vorbeigehen“ zum Beispiel erst „an einem kleinen Hund auf der anderen Straßenseite vorbeigehen“, dann „mit drei Metern Abstand“, dann „auf demselben Gehweg“.
Tipp 2: Bleiben, bis die Angst kleiner wird
Das ist der Kern, und gleichzeitig das Schwerste. Bei jeder Übung habe ich mir vorgenommen, so lange in der Situation zu bleiben, bis meine Angst ungefähr auf die Hälfte gesunken ist. Wenn ich also bei einer 6 angefangen habe, bin ich geblieben, bis es sich wie eine 3 anfühlte.
Beim ersten Mal hinter dem Hundezaun hat das fast zwanzig Minuten gedauert. Ich stand da, der Hund hat gebellt, ich hatte Herzklopfen, und irgendwann, ganz langsam, wurde es weniger. Er hat aufgehört zu bellen und angefangen, an einem Grashalm zu schnüffeln. Und ich stand immer noch da. Beim zweiten Mal waren es zehn Minuten, beim fünften Mal hat es sich von Anfang an nur noch nach einer 2 angefühlt.
Wichtig dabei: Häufigkeit schlägt Intensität. Lieber dreimal pro Woche eine kleine Übung als einmal im Monat eine große Mutprobe. Das Gehirn lernt durch Wiederholung, dass die Situation sicher ist. Ich habe mir feste Termine in den Kalender eingetragen, so wie andere Leute Sport machen.
Und noch etwas: Hört eine Übung nach Möglichkeit nicht auf dem Höhepunkt der Angst ab. Wenn ihr doch rausmüsst, ist das kein Weltuntergang. Aber versucht beim nächsten Mal, eine Stufe niedriger anzusetzen, damit ihr das Erlebnis „Ich bin geblieben und es wurde besser“ wirklich mitnehmt.
Tipp 3: Die Sprache der Hunde lernen
Ein riesiger Teil meiner Angst kam daher, dass Hunde für mich völlig unberechenbar waren. Ich konnte nicht einschätzen, was ein Hund als Nächstes tut. Also habe ich angefangen, mich mit Hundesprache zu beschäftigen, mit Büchern, Videos und später durch Beobachten. Das hat die Unberechenbarkeit massiv reduziert.
Ein paar Dinge, die ich gelernt habe:
- Ein wedelnder Schwanz heißt nicht automatisch „freundlich“. Er zeigt vor allem Aufregung. Ein locker schwingender Schwanz in mittlerer Höhe zusammen mit einem entspannten Körper ist meist ein gutes Zeichen. Ein hoch erhobener, steifer, schnell zuckender Schwanz kann dagegen Anspannung bedeuten.
- Entspannte Hunde sehen auch entspannt aus. Weicher Körper, leicht geöffnetes Maul, Ohren in neutraler Position, lockere Bewegungen. Viele Hunde, vor denen ich früher Angst hatte, sahen genau so aus. Ich hatte es nur nie gesehen, weil ich immer nur auf die Zähne geachtet habe.
- Beschwichtigungssignale. Hunde gähnen, lecken sich über die Schnauze, drehen den Kopf weg oder schnüffeln plötzlich am Boden, wenn sie eine Situation entspannen wollen. Als ich das wusste, habe ich gemerkt, dass manche Hunde mir gegenüber selbst unsicher waren. Das hat meine Sicht komplett verändert.
- Warnsignale ernst nehmen. Ein steifer, eingefrorener Körper, aufgestelltes Nackenfell, Knurren, hochgezogene Lefzen oder ein starrer Blick sind Signale, die man respektieren sollte. Das Gute: Diese Zeichen kommen meistens, bevor etwas passiert. Hunde kommunizieren ziemlich deutlich, wenn man weiß, worauf man achten muss.
Mein Tipp: Setzt euch mit Abstand in einen Park und beobachtet Hunde, ohne dass es um euch geht. Versucht zu erkennen, welcher Hund entspannt ist, welcher aufgeregt, welcher unsicher. Das war für mich gleichzeitig eine Angstübung und ein Lernprogramm.
Tipp 4: Wissen, was man tun kann, wenn ein Hund kommt
Ein großer Teil von Angst ist das Gefühl, ausgeliefert zu sein. Mir hat es enorm geholfen, einen klaren Plan im Kopf zu haben, was ich tue, wenn ein Hund auf mich zukommt. Das ist die Faustregel, die ich mir angeeignet habe:
- Stehen bleiben. Nicht wegrennen. Wer rennt, löst bei manchen Hunden den Spieltrieb oder Jagdinstinkt aus.
- Seitlich drehen. Statt frontal zum Hund zu stehen, drehe ich mich leicht zur Seite. Das wirkt auf Hunde weniger konfrontativ.
- Arme ruhig halten. Hände an den Körper oder vor den Bauch, nicht wild fuchteln und nichts in die Luft halten.
- Nicht anstarren. Direkter, langer Blickkontakt kann für Hunde bedrohlich wirken. Ich schaue eher am Hund vorbei oder auf den Boden neben ihm.
- Ruhig atmen und ruhig sprechen. Wenn der Mensch dazu in Sichtweite ist, sage ich freundlich, aber bestimmt: „Würden Sie Ihren Hund bitte zu sich rufen?“
- Hund schnüffeln lassen. Meistens will ein Hund einfach nur kurz riechen, wer da ist. Wenn er fertig ist, geht er in der Regel wieder.
Und für später auf der Leiter, wenn es ums Begrüßen geht: Fragt immer zuerst den Menschen, ob ihr den Hund begrüßen dürft. Lasst den Hund zu euch kommen, statt euch über ihn zu beugen. Haltet ihm den Handrücken locker hin und lasst ihn schnüffeln. Wenn er sich zuwendet, streichelt seitlich am Hals oder an der Brust, nicht von oben auf den Kopf. Viele Hunde mögen das Tätscheln von oben nämlich gar nicht.
Allein zu wissen, dass ich nicht hilflos bin, sondern konkrete Dinge tun kann, hat meinen Angstpegel in vielen Situationen schon um ein, zwei Stufen gesenkt.
Tipp 5: Den Körper beruhigen, ohne vor der Angst wegzulaufen
Mir haben zwei einfache Techniken geholfen, die man überall unauffällig anwenden kann.
Die erste ist langsames Ausatmen. Ich atme etwa vier Sekunden durch die Nase ein und sechs bis acht Sekunden durch den Mund aus, als würde ich durch einen Strohhalm pusten. Das längere Ausatmen signalisiert dem Körper, dass er herunterfahren darf. Drei, vier Atemzüge reichen oft schon, damit der erste Schreck nachlässt.
Die zweite ist eine Art Erdungsübung, wenn die Gedanken anfangen zu rasen. Ich zähle in Gedanken fünf Dinge, die ich sehe, vier, die ich höre, drei, die ich spüre, zwei, die ich rieche, und eins, das ich schmecke. Das klingt etwas albern, holt einen aber zuverlässig aus dem Katastrophenkino im Kopf zurück in die tatsächliche Situation.
Ein wichtiger Punkt, den mir meine Therapeutin mitgegeben hat: Diese Techniken sind dazu da, die Angst aushaltbar zu machen, nicht, sie wegzuzaubern. Es geht nicht darum, gar nichts mehr zu fühlen. Die Angst darf da sein. Ich lerne gerade, dass ich sie aushalten kann und dass sie von selbst wieder geht. Wenn ich die Atmung als hektisches Mittel einsetze, damit die Angst bloß schnell verschwindet, wird sie zu einer neuen Form von Flucht.
Tipp 6: Den eigenen Gedanken auf den Zahn fühlen
Meine Angst war voller Gedanken, die ich jahrelang nie hinterfragt habe. „Der Hund wird mich beißen.“ „Ich werde komplett die Kontrolle verlieren.“ „Wenn der springt, kann ich nichts tun.“
Eine Übung, die mir sehr geholfen hat: Nach einer Begegnung habe ich drei Fragen aufgeschrieben und beantwortet.
- Was habe ich befürchtet, was passieren wird?
- Was ist tatsächlich passiert?
- Was sagt mir das über meine Befürchtung?
Nach ein paar Wochen hatte ich ein kleines Notizbuch voller Beispiele, in denen ich mit dem Schlimmsten gerechnet hatte und dann einfach nichts passiert ist. Hunde sind vorbeigegangen. Einer hat an meiner Jacke geschnüffelt. Einer hat mich komplett ignoriert. Das schwarz auf weiß zu sehen, hat meine automatischen Gedanken nach und nach leiser gemacht.
Hilfreich war auch, zwischen „möglich“ und „wahrscheinlich“ zu unterscheiden. Ja, es ist möglich, dass ein Hund beißt. Aber die allermeisten Hunde, denen man im Alltag begegnet, gehen einfach mit ihren Menschen spazieren und haben null Interesse an uns. Meine Angst hatte aus „möglich“ jahrelang „ganz sicher“ gemacht.
Tipp 7: Verbündete suchen
Allein hätte ich es vermutlich nicht so weit geschafft. Der größte Glücksfall war der Hund meiner besten Freundin, eine ältere, sehr ruhige Labrador-Hündin. Ich habe meiner Freundin offen erzählt, was los ist, und wir haben klare Regeln vereinbart:
- Ich bestimme das Tempo.
- Der Hund bleibt am Anfang an der Leine oder auf seinem Platz.
- Niemand drängt mich, den Hund anzufassen oder näher zu kommen.
- Wenn ich eine Pause brauche, gibt es eine Pause, ohne Diskussion.
Zuerst saß ich nur mit ihr in einem Raum, die Hündin lag auf ihrer Decke und hat geschnarcht. Ein paar Besuche später durfte sie an meiner Hand schnüffeln. Irgendwann lag ihr Kopf auf meinem Knie, und ich habe zum ersten Mal seit meiner Kindheit einen Hund gestreichelt. Ich gebe zu, da musste ich kurz weinen.
Falls ihr niemanden mit einem ruhigen Hund kennt: Fragt in Hundeschulen nach, ob ihr beim Training zuschauen dürft. Viele Trainerinnen und Trainer kennen das Thema und unterstützen gerne. Es gibt auch Angebote speziell für Menschen mit Angst vor Hunden, bei denen man mit besonders ausgeglichenen, geschulten Hunden üben kann. Wichtig ist nur: Sucht euch Menschen, die eure Grenzen respektieren. Ein Hundehalter, der sagt „Der tut nichts, stell dich nicht so an“, ist für diesen Prozess leider nicht der richtige Partner.
Tipp 8: Die versteckten Fluchten abbauen
Das war für mich ein Aha-Moment. Selbst als ich schon an Hunden vorbeigehen konnte, hatte ich jede Menge kleiner Tricks, die mir Sicherheit vorgaukelten. Ich habe zum Beispiel immer die Hände in die Jackentaschen gesteckt, damit kein Hund daran schnüffeln kann. Ich habe auf mein Handy gestarrt, um den Hund nicht sehen zu müssen. Ich habe mich beim Vorbeigehen möglichst weit an den Rand gedrückt oder bin schneller geworden.
Diese kleinen Verhaltensweisen nennt man Sicherheitsverhalten. Sie fühlen sich hilfreich an, haben aber denselben Effekt wie die Straßenseite wechseln, nur in klein. Das Gehirn denkt: „Es ist nur gut gegangen, weil ich die Hände versteckt habe.“
Also habe ich auch diese Dinge Schritt für Schritt abgebaut. Erst die Hände aus den Taschen, dann das Handy weg, dann im normalen Tempo gehen, dann den Hund bewusst anschauen, freundlich, nicht starrend. Jeder dieser Schritte hat sich anfangs wieder wie eine neue Stufe auf der Leiter angefühlt. Aber erst als ich ohne diese kleinen Krücken an Hunden vorbeigehen konnte, hat sich die Angst wirklich gelöst.
Tipp 9: Rückschläge fest einplanen
Ich wünschte, ich könnte schreiben, dass es danach nur noch bergauf ging. War aber nicht so. Ungefähr nach vier Monaten hatte ich eine richtig gute Phase, bin an Hunden vorbeigelaufen, als wäre nichts. Und dann ist ein Hund hinter einem Gartenzaun, den ich nicht gesehen hatte, laut bellend gegen das Tor gesprungen. Ich bin so erschrocken, dass ich die nächsten zwei Wochen wieder überall nach Hunden Ausschau gehalten habe. Ich war wütend auf mich selbst und dachte, alles war umsonst.
War es nicht. Meine Therapeutin hat das ganz nüchtern eingeordnet: Rückschläge sind normal und gehören zum Prozess. Das alte Angstgedächtnis verschwindet nicht einfach, es wird durch neue Erfahrungen überschrieben. Ein Schreckmoment kann die alte Spur kurz wieder aktivieren. Das Wichtigste ist, danach nicht wieder ins Vermeiden zu rutschen.
Ich bin dann zwei Stufen auf meiner Leiter zurückgegangen und habe einfach weitergemacht. Nach drei Wochen war ich wieder an dem Punkt, an dem ich vorher war. Und heute weiß ich: Ein Rückschlag ist kein Beweis dafür, dass es nicht funktioniert. Es ist einfach ein Teil davon.
Wann professionelle Hilfe sinnvoll ist
Ich habe viel allein geübt, aber ich bin sehr froh, dass ich mir zusätzlich Unterstützung geholt habe. Die Angst vor Hunden kann eine echte spezifische Phobie sein, und für genau solche Ängste gilt eine Verhaltenstherapie mit schrittweiser Konfrontation als sehr gut wirksam. Viele Menschen brauchen dafür gar nicht so viele Sitzungen, wie man denkt.
Ich würde professionelle Hilfe auf jeden Fall empfehlen, wenn:
- die Angst zu Panikattacken führt,
- ihr euren Alltag stark nach Hunden ausrichtet, etwa Wege, Wohnort, Freizeit oder Kontakte,
- ihr es allein schon mehrmals versucht habt und nicht weiterkommt,
- die Angst mit einem schlimmen Erlebnis zusammenhängt, das euch bis heute stark belastet, zum Beispiel einem echten Biss.
Eine erste Anlaufstelle kann die hausärztliche Praxis sein oder direkt eine psychotherapeutische Praxis. Das ist kein Zeichen von Schwäche. Ich habe mich anfangs geschämt, mit „so etwas“ zu einer Therapeutin zu gehen, weil es mir so lächerlich vorkam. Im Nachhinein war es eine der besten Entscheidungen der letzten Jahre.
Ein Wort zur gesunden Vorsicht
Damit keine Missverständnisse entstehen: Mein Ziel war nie, jeden Hund knuddeln zu wollen. Und das ist auch nicht das Ziel, das ihr haben müsst. Es gibt Hunde, die unsicher, schlecht erzogen oder tatsächlich aggressiv sind. Respekt und eine gewisse Vorsicht sind völlig angemessen. Ich gehe auch heute nicht auf fremde Hunde zu, ohne vorher den Menschen zu fragen, und wenn ein Hund deutliche Warnsignale zeigt, halte ich Abstand.
Der Unterschied ist: Früher hat die Angst für mich entschieden, ganz egal, ob da ein entspannter Dackel oder ein knurrender Riese vor mir stand. Heute entscheide ich selbst, basierend auf dem, was ich sehe. Gesunde Vorsicht ist eine Einschätzung. Eine Phobie ist ein Reflex. Und der Weg raus aus der Angst bedeutet nicht, alle Vorsicht abzulegen, sondern wieder selbst einschätzen zu können.
Wie es mir heute geht
Heute, gut zwei Jahre nach dem ersten Foto auf meiner Angstleiter, wechsle ich nicht mehr die Straßenseite. Ich gehe joggen, wann ich will. Ich besuche meine beste Freundin, und ihre Hündin begrüßt mich an der Tür, als wäre ich Teil des Rudels. Ich habe bei der Wohnungssuche nicht mehr darauf geachtet, ob im Haus Hunde wohnen. Und vor ein paar Wochen habe ich zum ersten Mal von mir aus gefragt, ob ich einen fremden Hund streicheln darf.
Bin ich jetzt ein Hundemensch? Ehrlich gesagt: nicht ganz. Wenn ein großer Hund unerwartet auf mich zurennt, zuckt manchmal noch etwas in mir zusammen. Aber dieses Zucken dauert eine Sekunde, nicht einen ganzen Nachmittag. Ich atme aus, bleibe stehen, schaue mir den Hund an, und meistens ist er einfach nur neugierig. Die Angst hat ihre Macht über mich verloren. Sie darf noch kurz anklopfen, aber sie bestimmt nicht mehr, wo ich langgehe.
Für alle, die gerade am Anfang stehen
Wenn ihr das hier lest und euch in meinem früheren Ich wiedererkennt, hier noch mal das Wichtigste in Kurzform:
- Angst ist unangenehm, aber nicht gefährlich. Sie steigt an und fällt von allein wieder ab, wenn ihr bleibt.
- Vermeiden fühlt sich sicher an, hält die Angst aber am Leben.
- Baut euch eine Angstleiter mit kleinen Stufen und fangt ganz unten an.
- Bleibt in einer Übung, bis die Angst etwa um die Hälfte gesunken ist. Übt lieber oft und klein als selten und groß.
- Lernt Hundesprache. Was man versteht, wirkt weniger bedrohlich.
- Habt einen Plan: stehen bleiben, seitlich drehen, nicht anstarren, ruhig atmen, nicht rennen.
- Nutzt Atmung und Erdung, um die Angst auszuhalten, nicht, um vor ihr zu fliehen.
- Prüft eure Gedanken: Was habe ich befürchtet, was ist passiert?
- Sucht euch Verbündete, die euer Tempo respektieren.
- Baut auch die kleinen, versteckten Fluchten ab.
- Rechnet mit Rückschlägen. Sie bedeuten nicht, dass ihr gescheitert seid.
- Holt euch professionelle Hilfe, wenn die Angst euren Alltag stark einschränkt.
Mut heißt nicht, keine Angst zu haben. Mut heißt, trotzdem einen kleinen Schritt zu machen.
Diesen Satz hatte ich mir irgendwann auf einen Zettel an den Kühlschrank geklebt. Er hängt da immer noch.
Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr in den Kommentaren eure Erfahrungen teilt. Wo steht ihr gerade? Was hat euch geholfen, und wo hängt ihr fest? Ich beantworte gerne Fragen, und vielleicht hilft es allen, die gerade ganz am Anfang stehen, zu lesen, dass sie damit nicht allein sind.